21. Juli 2019


FOTO: CLAUDIA LUPERTO
Dort wohnen wo man arbeitet

Dort wohnen, wo man arbeitet

Verstädterung und verdichtetes Bauen sind Themen, über die kontrovers diskutiert wird. Mit gutem Grund, sagt der Winterthurer Architekt Peter Kunz. Wie wollen wir dem Bevölkerungswachstum begegnen, wie kann der Verschleiss von wertvollen Landreserven verhindert werden: Solche Fragen müssen zwingend beantwortet werden.
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Derzeit werden in der Schweiz unterschiedliche Aspekte einer verdichteten Bauweise diskutiert. Engagiert, manchmal auch ideologisch gefärbt. Gegner und Befürworter einer verdichteten Bauweise berufen sich dabei je aus ihrer Sicht auf die Revision des Raumplanungsgesetzes. Wie soll die Schweiz in baulicher Hinsicht auf das Bevölkerungswachstum reagieren, wie kann der Verschleiss von wertvollem Kulturland verhindert werden: Solche Fragen stehen im Fokus der Debatte. Dabei könnte ein einfaches Prinzip zu einer ebenso simplen Lösung führen: Es werden künftig mehr Wohnungen auf derselben Fläche gebaut. Der Staat erlässt Belegungsvorschriften für Wohnungen, oder man errichtet schlicht und einfach Wohnungen mit kleineren Nutzungsflächen. Letzteres dürfte dann eintreten, wenn Herr und Frau Schweizer nicht mehr bereit oder in der Lage sind, immer höhere Mieten zu bezahlen: «Dann wird auch in der Schweiz konsequenter verdichtet gebaut werden», ist Peter Kunz überzeugt.


Der blanke Unsinn
Die skizzierten Lösungen sind für ihn nur eine Möglichkeit. Kunz sieht attraktivere Optionen und damit neue Chancen der Verdichtung. Der Winterthurer Architekt hat Ideen, Visionen – und eine Kernbotschaft. «Wir müssen verstehen lernen, dass es nur dann eine Lösung gibt, wenn Wohn- und Arbeitsort wieder näher zusammenrücken», sagt er. Arbeitsplatz und Wohnort sind für ihn die entscheidenden Schlüsselwörter. Wenn draussen auf dem Land ganze Siedlungen neu gebaut werden, habe dies den unerwünschten Effekt, dass zunächst einmal die benötigte Infrastruktur wie etwa Strassen und Schulhäuser gebaut werden müssen. Das koste wertvolle Energie und bringe enorme laufende Unterhaltskosten, die anderweitig verwendet werden könnten. Sind die Häuser einmal errichtet und bewohnt, dann würden zudem tagtäglich unzählige Autofahrten anfallen, da die Hausbesitzer mit dem Auto zur Arbeit und zum Einkaufen fahren müssen – aus Sicht von Peter Kunz der blanke Unsinn.


Gegen Symptombekämpfung
Viel sinnvoller ist es seiner Ansicht nach, die Städte an zentrumsnahen Lagen in allen Wohnsegmenten zu verdichten. Und höher zu bauen, um gleichzeitig genügend Grünraum und Erholungsflächen für die Bevölkerung zu erhalten oder gar neu zu schaffen. Die Aufstockung von Geschossen ist für Kunz auch in altstadtnahen Zonen eine Option. Ziel sei es, die historisch gewachsene Baustruktur in eine neue Zeit überzuführen und nicht zu zerstören. Minergie-Lösungen bezeichnet er zwar als sinnvoll. «Von den technischen Möglichkeiten her ist heute vieles möglich. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass wir damit im Grunde Symptombekämpfung betreiben, die uns sehr viel kostet», warnt Kunz. Eine Minergiesiedlung irgendwo im Grünen möge zwar den Vor­stellungen von Bauherren und Eigenheimbesitzern entsprechen. «Vergessen geht dabei, dass die Bewohner unzählige Autokilometer fahren, um zur Arbeit zu gelangen oder in stadtnahen Einkaufszentren ihre Einkäufe zu erledigen.» Die 2000-Watt-Gesellschaft, so Kunz, habe demgegenüber das Ziel, die weltweiten Ressourcen nachhaltig zu nutzen: Durch einen effizienteren Energieeinsatz und eine umfassende Gesamtbetrachtung, die Erstellung, Betrieb, Unterhalt und Verkehr berücksichtigt.


Überholtes Modell
Nachhaltigkeit beim Bauen ist für Kunz zentral. Darauf richtet er seine Überlegungen aus: Sei es im Bereich Industriebauten, bei der Umnutzung einer Fabrikhalle, die heute als Engros-Markt für Obst und Gemüse dient, beim Bau von Wohn- und Geschäftshäusern oder seinen Atriumsiedlungen im höheren Preissegment. Letztere sind ein gelungenes Beispiel für eine intelligente, verdichtete Wohnbauweise in Siedlungszonen zwischen Urbanität und Natur. Während des Gesprächs erwähnt Kunz am Rande die ursprüngliche Grossfamilie. «Da wurde in der Regel am selben Ort gewohnt und gearbeitet.» So betrachtet ist für ihn ein Modell, bei dem die Leute Tag für Tag mehrere Kilometer mit der Bahn oder mit dem Auto zur Arbeit und vorher noch kurz zur Kinderkrippe pendeln, überholt.


Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten
Diesem Modell liege eine flächendeckende Mobilität zugrunde, deren Folgen sattsam bekannt seien, sagt Kunz: Eine unstrukturierte Siedlungslandschaft über das ganze Mittelland verteilt, ohne ein bedeutendes Zentrum dazwischen. Die Stadt habe sich gleichsam aufgelöst, das Land sei Schritt für Schritt zum Verschwinden gebracht worden. «Eine noch stärkere Entflechtung von Wohn- und Arbeitsort bringt noch mehr Verkehr, verbunden mit noch leistungsfähigeren Strassen», betont er. Daraus resultiere eine weitere Zunahme des Verkehrs. Mit andern Worten: Der Teufelskreis kann ungehemmt seinen Lauf nehmen. Dabei hat sich nicht erst seit gestern Widerstand gegen diese Entwicklung formiert. Bezeichnenderweise haben die Debatten rund um die Stadt der Zukunft über die Ökologie-Diskussion neue Impulse erhalten. Dabei standen zu Beginn meist Einzelinteressen im Fokus – die Frage etwa, ob eine Parzelle grün bleiben oder überbaut werden soll. Städtebau, wie auch immer, gestaltet könne die Menschen nicht dazu zwingen, ihre Werthaltungen zu überdenken, sagt Kunz. «Ein visionärer Städtebau muss Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner optimieren und gezielte Anreize schaffen.» Im Zentrum müsse dabei die Frage stehen, was eine menschen- und bewohnergerechte Stadt auszeichnet. Ziel sei, mit einer intelligenten Verdichtung Mehrwerte und Wohnqualität zu schaffen.


Grosszügig gestaltete Anlagen
Für Kunz steht fest, dass in städtebaulicher Hinsicht eine klar strukturierte und gestaltete Verdichtung das beste Zukunftsmodell ist. Jedes Quartier, jede Stadt sei auf ein Zentrum angewiesen. «Es braucht aber auch Aussenräume und Freiflächen, die zum Verweilen einladen, wo sich die Menschen treffen und miteinander austauschen können.» Anders formuliert: Was früher beispielsweise der Dorfplatz war, können in Städten grosszügig gestaltete Anlagen sein, die der Kommunikation unter den Bewohnerinnen und Bewohnern dienen. Urbane Siedlungen müssen dabei immer auch ein austariertes Gleichgewicht zwischen öffentlichen Räumen und dem Anspruch der Bewohnerinnen und Bewohner auf Privatsphäre anstreben. Beides muss in einer Stadt gleichwertig Platz haben. Zugleich geht es darum, Emissionen und Gefahrenquellen zu reduzieren, die nicht zuletzt aufgrund der überhand nehmenden Mobilität entstehen. Kunz verweist dabei auf ein Dilemma, das gelöst werden müsse. Die Dynamik der Stadt und alle ihre Angebote, die sie erst attraktiv machen, beruhten darauf, dass die Städte durch leistungsfähige Verkehrssysteme erschlossen sind, was zu noch mehr Verkehr führe. «Immer leistungsfähigere Infrastrukturen ziehen immer mehr Leute an.» Einen sinnvollen Lösungsansatz sieht Kunz in der Nähe von Wohn- und Arbeitsort. Womit wir wieder bei seiner Kernbotschaft sind.

 

PETER KUNZ

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